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Schau in dein Inneres, wenn du das Universum sehen willst.
Zensunni-Aphorismus
Arrakis. Dritter Planet des Canopus-Systems. Ein äußerst faszinierender Ort.
Der Gilde-Navigator D'murr blickte durch die Plazfenster seiner winzigen Zelle im riesigen Körper des Heighliners. Tief unter seinem Schiff, hinter einem schmutzigbraunen Schleier aus verwehtem Staub, lag Arrakis, die einzige Quelle der Melange, die es ihm ermöglichte, die verschlungenen Wege durch das Universum zu erkennen.
Und die mir so viel Freude schenkt.
Ein winziges Shuttle brannte sich vom Südpol durch die Atmosphäre des Planeten herauf, löste sich aus dem Zug der Schwerkraft und erreichte schließlich das große Schiff im Orbit. Als das Shuttle andockte, erkannte D'murr auf dem Bild der Überwachungskamera eine Gruppe von Passagieren, die den mit Atemluft gefüllten Aufenthaltsbereich betraten.
Obwohl das Schiff eine Besatzung aus vielen Mitarbeitern der Raumgilde hatte, musste D'murr als Navigator stets alles im Auge behalten. Er trug die Verantwortung für sein Schiff, das zugleich sein Arbeitsplatz und seine Heimat war.
In seiner versiegelten Kammer war das vertraute Zischen des orangefarbenen Melangegases kaum noch zu hören. Mit seinem deformierten Körper konnte D'murr niemals die Oberfläche des Wüstenplaneten betreten. Er durfte nicht einmal die Sicherheit seines Tanks verlassen. Doch Arrakis einfach nur nahe zu sein beruhigte ihn auf eine elementare Weise. Mit seinem komplexen Gehirn versuchte er eine mathematische Analogie zu dieser Empfindung zu entwickeln, aber es ergaben sich keine eindeutigen Werte.
Bevor er in die Dienste der Gilde getreten war, hätte D'murr Pilru sein Leben als Mensch intensiver auskosten sollen. Doch dazu war es jetzt zu spät. Die Gilde hatte ihn unerwartet schnell aufgenommen, nachdem er die Aufnahmeprüfung bestanden hatte. Er hatte keine Zeit mehr gehabt, sich angemessen zu verabschieden, seine menschlichen Angelegenheiten zu regeln.
Menschlich.
Wie weit ließ sich dieser Begriff definieren? Viele Generationen der Bene Gesserit hatten sich mit der Beantwortung dieser Frage beschäftigt, mit allen Nuancen, dem Geltungsbereich menschlicher Intelligenz und menschlicher Emotionen, mit allen Höchstleistungen und kläglichen Fehlschlägen. D'murrs körperliche Erscheinung hatte sich beträchtlich verändert, seit er der Gilde beigetreten war ... aber welche Rolle spielte es in letzter Konsequenz? Hatten er und all die anderen Navigatoren ihre Menschlichkeit transzendiert, um zu etwas ganz anderem zu werden?
Ich bin immer noch ein Mensch. Ich bin kein Mensch mehr. Er lauschte seinen eigenen oszillierenden Gedanken.
Durch das Trans-Auge des Überwachungssystems beobachtete D'murr, wie die Neuankömmlinge in der dunklen Kleidung den Hauptpassagierraum betraten. Von Suspensoren getragene Reisetaschen schwebten hinter ihnen her. Einer der Männer mit rötlichem Gesicht, dichtem Schnurrbart und kahlgeschorenem Kopf kam ihm seltsam vertraut vor ...
Ich kann mich immer noch an einzelne Dinge erinnern.
Dominic Vernius. Wo hatte er sich all die Jahre aufgehalten?
Der Navigator sprach einen Befehl in das glitzernde Mikrofon neben seinem kleinen, v-förmigen Mund. Auf dem Bildschirm erschienen die Namen der Passagiere, doch keiner war ihm bekannt. Der Graf im Exil reiste unter falschem Namen, obwohl die Gilde jedem Passagier absolute Vertraulichkeit zusicherte.
Er war mit seinen Begleitern nach Salusa Secundus unterwegs.
Ein Summton erklang in der Navigationskammer. Alle Shuttles waren angedockt. Die Gildebesatzung verriegelte die Einstiegsluken und überwachte die Holtzman-Generatoren. Eine Armee von Fachleuten bereitete den Heighliner darauf vor, den polaren Orbit zu verlassen. D'murr bemerkte kaum etwas davon.
Stattdessen dachte er an seine glücklichen Tage auf Ix zurück, die er mit seinen Eltern und seinem Zwillingsbruder im Großen Palais des Grafen Vernius verbracht hatte.
Nutzloser mentaler Abfall.
Als Navigator stellte er komplexe Berechnungen an und bewegte sich in höheren Dimensionen. Er transportierte Passagiere und Fracht über gewaltige Entfernungen ...
Doch plötzlich war er blockiert und abgelenkt, sodass er seine Aufgaben nicht mehr erfüllen konnte. Sein vielschichtiges Gehirn konnte sich nicht mehr auf die unentbehrlichen Gleichungen konzentrieren. Warum hatte sein Geist, der Überrest seines vergangenen Ichs, darauf bestanden, sich an diesen Mann zu erinnern? Eine Antwort tauchte auf, wie ein Geschöpf aus dem Dunkel der Tiefsee: Dominic Vernius repräsentierte einen bedeutenden Aspekt des früheren Lebens von D'murr Pilru. Seines menschlichen Lebens ...
Ich will den Raum falten.
Stattdessen zogen Bilder von Ix an seinem Geist vorbei, prächtige Szenen am Vernius-Hof, die er gemeinsam mit seinem Bruder C'tair erlebt hatte. Hübsche, lächelnde Mädchen in kostspieligen Kleidern, darunter auch die reizende junge Tochter des Grafen. Kailea. Sein Gehirn, das in der Lage war, das Universum zu erfassen, war ein Lagerhaus, in dem sich alles befand, was er gewesen war und was er sein würde.
Meine Evolution ist noch nicht abgeschlossen.
Die Gesichter der ixianischen Mädchen zerflossen und verwandelten sich in die finsteren Mienen seiner Ausbilder an der Navigatorenschule auf Junction. Ihre isolierten Tanks drängten sich um ihn, ihre winzigen schwarzen Augen blickten ihn vorwurfsvoll wegen seines Versagens an.
Ich muss den Raum falten!
Für D'murr war es die ultimative Sinneserfahrung, die Verschmelzung seines Geistes und seines Körpers mit den übergeordneten Dimensionen, die ihm zugänglich waren. Er hatte sich mit Leib und Seele der Gilde verschrieben, ähnlich wie primitive Priester oder Nonnen sich einst verpflichtet hatten, ihrem Gott zu dienen und sich sexueller Beziehungen zu enthalten.
Schließlich verließ er die winzige Kapsel menschlicher Erinnerungen und erweiterte sein Bewusstsein, bis es die Sterne und den Raum darüber hinaus erfasste. Als D'murr den Heighliner durch den Faltraum navigierte, wurde die Galaxis zu seiner Frau ... und zu seiner intimen Geliebten.